UNTURTLED
19. und 20. JULI 2010 | 20.00 Uhr | Hamburger Sprechwerk
(ca. 60 Minuten)
• Publikumsgespräch mit den Künstlern im Anschluss an die Vorstellung
Unturtled hieße, der Schildkröte den Panzer abzunehmen. Entschälen und schauen, was darunter liegt. Das Stück von Isabelle Schad und Laurent Goldring aber verweigert den Einblick unter die Hülle. Im Gegenteil: Der Körper verschwindet fast gänzlich im ‚bewegten Beiwerk‘ und stellt doch buchstäblich seine Regungen als Stofflichkeit aus. Fast scheint es, als verändere sich die Kleidung völlig autark: in den Dehnungen und Schrumpfungen, Blähungen und Engungen, welche die Plusterungen der Bluse hervorbringen und die dem Körper seine eigenen Bewegungsimpulse vermeintlich abgenommen haben. Unturtled wickelt den Körper eben nicht aus, sondern initiiert ein Verwirrspiel um die Frage, wo Bewegung ihren Anfang nimmt und entkoppelt diese tendenziell von einem kontrollierenden Subjekt. Das zusehende Auge imaginiert die Körperteile, die für die jeweiligen Sequenzen womöglich gerade ‚verantwortlich‘ sind und wird doch in die Irre geleitet. Der Körper gibt sich als ein imaginärer, bis auf Beine und Haupt wird er unsichtbar unter seiner Hülle und lässt nur Vermutungen über seine Erscheinungsweisen zu.
Susanne Foellmer
Choreografie: Isabelle Schad (Deutschland), Laurent Goldring (Frankreich)
Licht und Ton: Bruno Pocheron (Frankreich)
Kiosk.Helper: Jula Lüthje
• Produktion: Isabelle Schad in Kooperation mit CCN Tours, Espace Pasolini - Théâtre International Sophiensaele Berlin, TanzWerkstatt Berlin. Gefördert durch den Regierenden Bürgermeister von Berlin - Senatskanzlei Kulturelle Angelegenheiten, Fonds Darstellende Künste e.V.
Isabelle Schad
In meiner Arbeit erforsche ich Beziehungen zwischen dem Körper, dessen Sprachen und Repräsentationen.
Es interessiert mich, den Theaterraum als Ort für Imagination zu betrachten, als einen Raum, der es ermöglicht, unsere Beobachtungen und Sehgewohnheiten zu hinterfragen, unsere Wahrnehmungsebenen zu verschieben. Mich interessiert die Möglichkeit, assoziative Prozesse hervorzurufen, die den Beobachter auf seine eigenen Erfahrungen, Emotionen oder (Lebens-)Geschichten zurückwerfen.
Es ist mir wichtig, Arbeitsmethoden zu entwickeln, die meinem politischen Verständnis entsprechen: Das Austauschen und Mitteilen von Ideen, (Körper-)Praktiken und Wissen als Mittel für Zirkulation, Kontinuität im Lernen und Kooperation mit anderen Künstlern. In den letzten Jahren habe ich eng mit Licht-, Bühnen- und Sounddesigner Bruno Pocheron zusammengearbeitet, unser gemeinsames Projekt Good Work versteht sich als Künstlernetzwerk, das nicht-hierarchische Arbeitsmethoden untersucht, die der Entstehungsweise zeitgenössischer Performancearbeiten entsprechen." Isabelle Schad
Isabelle Schad ist Choreografin und Tänzerin und lebt in Berlin. In ihrer Arbeit erforscht Isabelle Beziehungen zwischen dem Körper, dessen Sprachen und Repräsentationen.
Sie studierte von 1981 bis 1990 klassischen Tanz in Stuttgart. Im Anschluss tanzte sie sechs Jahre für verschiedene Ballettcompagnien, bevor sie Mitglied von Ultima Vez / Wim Vandekeybus in Brüssel wurde und mit Choreographen wie Olga Mesa, Angela Guerreiro, Felix Ruckert, Eszter Salamon arbeitet.
Seit 1999 kreiert sie ihre eigenen choreographischen Arbeiten und Projekte, die in Theatern, Galerien und auf Festivals international gezeigt werden.
Sie gründete 2003 zusammen mit Bruno Pocheron und Ben Anderson das internationale Künstlernetzwerk und Projekt Good Work und entwickelt derzeit im Rahmen der Good Work-Reihe verschiedene Arbeiten, u.a. mit Benoit Lachambre, Martin Belanger, Nuno Bizarro, Manuel Pelmus, Frédéric Gies, Hanna Hedman, welche ebenfalls international präsentiert werden.
In 2006 kreierte sie ein Stück in Zusammenarbeit mit Germana Civera und Laurent Goldring (Festival Montpellier Danse) und ein Solo in Zusammenarbeit mit Dalija Acin, welches u.a. zur Balkan Plattform nach Athen eingeladen wurde.
Sie ist Teil des Projektes Praticable von Alice Chauchat, Frédéric de Carlo, Frédéric Gies, Isabelle Schad und Odile Seitz.
In 2007 leitete sie das Mentoring Projekt Tanztage Berlin, kreierte BACH für 2 Tänzer in Sofia und ihr neues Solo Ohne Worte (Praticable).
Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen, Stipendien und Artist-in-Residence Aufenthalte. Seit mehreren Jahren leitet sie auch Workshops und engagiert sich für die freie Tanzszene im Balkan.
Derzeit arbeitet sie zusammen mit Simone Aughterlony an dem Gruppenstück Sweet Dreams Are Made, das im Dezember 2009 Premiere haben wird.
Laurent Goldring
“Video images come from photography. These images are, in my opinion, works in themselves ; but they have their own existence, they have generated a most singular universe. The discovery that, to produce different images, new relationships had to be created between the different protagonists of the shots, with all of the risk that this sort of exercise involves – this discovery led me to to seek out new processes of collaboration in different fields”
Der Begriff den Laurent Goldring seiner Arbeit selbst gegeben hat ist „bodymade“. Diese Bezeichnung evoziert sofort bestimmte Vorstellungen und Fragestellungen, mit denen Goldring sich in seiner Arbeit auseinandersetzt. Welche ästhetischen und philosophischen Entwürfe sind möglich bei gleichzeitiger Ausdehnung und Verweigerung von Marcel Duchmaps Konzept des „ready-made" sowie aktueller Tendenzen der Body-Art? Wie kann man den nackten Körper von seiner großen Symbolik lösen und dadurch objektivieren? Wie stellt man weiterhin die Frage nach dem Status seiner Repräsentation? Wie gestaltet man einen expressiven Raum der gleichzeitigen Annäherung und Divergenz von Fotografie, Video und Malerei? Einen Raum, der zugleich Schnittstelle und Bühne ist, wo Bodymades nahtlose Schleifen bilden, einen Raum, in dem das bewegte Bild eine neue Zeitlichkeit erhält und unerwartete bildhafte Erinnerungen aufscheinen?
Goldring sieht und benutzt den Körper als künstlerisches Instrument. Seine Videos sind nie reine Reproduktionen. Der Künstler, mit dem er zusammenarbeitet muss, auf sein eigens Bild verzichten können und andere Formen auftauchen lassen, die dergestalt sind, dass sie sich dem Unmöglichen annähern.
Laurent Goldring (F), 1957 geboren, begann seine Karriere im Bereich der Visual Arts nach einem Philosophiestudium. Über die Fotografie gelangte er zur Video- und Medienkunst . In seinen Fotografien und Videoarbeiten setzt er sich mit der Repräsentation des Körpers.
Seine Arbeiten wurden u.a. im Centre Pompidou, Paris der Fondation Gulbenkian in Lissabon, dem Centre Chorégraphique National Montpellier gezeigt.
Sein künstlerisches Spektrum reicht von Skulptur (wie in der Serie Ne pas toucher, eine Reihe von Skulpturen, die sich zum Teil aus die lebenden Körpern zusammensetzte) über Kunstgeschichte (Lectures intitrées, Hypothèses numérotées) bis hin zur Choreographie:
Er kooperierte u.a. mit Xavier Le Roy for Blut et Boredom, Self Unfinished; Jean-Michel Rabeux für Les Enfers, Carnaval; Benoît Lachambre für L'Âne et la Bouche; Saskia Holbling für RRR, Other Features ; Maria Donata d’Urso for Pezzo O Due und Germana Civera für Figures. „Is you me“, seine jüngste Zusammenarbeit mit Benoît Lachambre und Louise Lecavalier tourt derzeit in Deutschland. „Is you me“ ist pure Kunst. Es ist lebendig gewordene Leinwand – konzentriertes Theater der Gesten. (The Montreal Gazette, 25.05.2007)
Bruno Pocheron
Studierte Performance, Video und Fotografie an der Hochschule der Künste in Dijon in Frankreich. Seit 1996 arbeitet er für zahlreiche internationale Performance Projekte als Licht- und Bühnendesigner, technischer Leiter und manchmal als Performer. Neben Isabelle Schad arbeitet er u.a. mit Xavier Le Roy (Project, Le Sacre du Printemps), Alice Chauchat (J’aime, Crystalll), Alix Eynaudi (Crystalll, Supernaturel) und Anne Juren (J’aime, Komposition), Martin Nachbar (Repeater) , Akemi Takeya (Feeler), Lito Walkey (the Missing Dance n°7).
2003 konzipierte er zusammen mit Isabelle Schad und Ben Anderson das Projekt Good Work und arbeitete an der Realisierung verschiedener Performances dieser Reihe.
